HAZ vom 19.05.2012 – 1,2 Millionen Euro fürs Ihmeufer

 1,2 Millionen Euro fürs Ihmeufer
Pontons und kleine Mauern sollen das Areal attraktiv machen / Neuer Bootsanleger geplant

 Noch bedarf es einiger Phantasie, um sich die Baustelle am Ihmeufer als grüne Oase vorzustellen. Bagger wühlen sich durchs Erdreich und tragen kubikmeterweise Boden ab. Doch Anfang kommenden Jahres soll der aufgewühlte Acker bepflanzt, das gesamte Ufer zwischen Leiner- und Benno-Ohnesorg-Brücke in ein Erholungsgebiet verwandelt werden. Den Auftrag für die Begrünung hat die Stadt vor wenigen Tagen erteilt. Nach Informationen dieser Zeitung kostet das Vorhaben rund 1,2 Millonen Euro. „Die Aufenthaltsqualität wird danach besser sein als zuvor“, sagt SPD-Baupolitiker Thomas Hermann.

Diesen Satz werden sich die Anwohner der Calenberger Neustadt wohl im Kalender notieren. Denn nicht wenige befürchten, dass ihr vormaliges Naherholungsgebiet am Fluss nach den Hochwasserschutzmaßnahmen der Vergangenheit angehört. Etliche Bäume und Büsche hat die Stadt abgeholzt, um den Fluten freien Lauf zu lassen. Mehrere Meter tief wird das Ufer abgegraben, denn der Bereich entlang dem Ihme-Zentrum wirke wie ein Flaschenhals, so die Begründung. Werde der Engpass nicht geöffnet, liefen beim nächsten Hochwasser nicht nur die Keller voll.

Die hohen Kosten für die Begrünung zeigen, das es nicht nur um Rasensamen geht. Auch Bäume sollen wieder gepflanzt werden, allerdings mit Abstand zum Ufer. Der Fluss selbst wird für Fußgänger wieder erreichbar, zuvor behinderte eine dichte Böschung den Zugang. Drei bis vier Pontons, am Ufer fest verankert, sollen auf dem Wasser schaukeln. „Ideal für Grillabende oder um einfach die Beine ins Wasser baumeln zu lassen“, sagt Hermann. Das gesamte Gelände wird terrassiert und mit kleinen Mauern eingefasst. Ein Kiosk oder gar eine Gastronomie ist nicht erlaubt, denn beides würde die kontrollierte Überschwemmung behindern. Zudem soll der Bootsanleger nahe der Benno-Ohnesorg-Brücke grundlegend erneuert werden.

Erste grüne Halme und Pflänzchen sprießen bereits auf dem Gelände nahe der Glocksee. Dort müsste die Stadt die Hinterlassenschaften eines ehemaligen Gaswerks beseitigen. 45.000 Kubikmeter teils hochgiftige n Erdreichs wurden abgetragen. Die Begrünung erwies sich als schwierig, denn der Boden war durch die umherrollenden Bagger enorm verdichtet worden, sodass Regenwasser kaum versickerte. Die Grasnarbe wuchs nicht an, und während der starken Niederschläge zu Beginn es Jahres verwandelte sich  das Grundstück in eine Seenlandschaft. Jetzt aber gibt das erste Grün einen Vorgeschmack darauf, wie es in einem Jahr am gesamten Ihmeufer aussehen könnte.

Andreas Schinkel, HAZ v. 19.05., S. 15

Dieser mit keinen Neuigkeiten versehene Bericht, den man fast als Hofberichterstattung bezeichnen könnte und der von Fehlern nur so strotzt, konnte natürlich nicht unkommentiert bleiben. So schrieb Cordula folgenden Leserbrief, der leider – wen wundert es – nicht abgedruckt wurde:

Leserbrief

Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit: was man zerstört, muss man auch wieder (eigentlich gleichwertig) ersetzen.  Dass die Stadt diese Selbstverständlichkeit nun zu einer Großtat aufbläst, lässt  auf hohen Rechtfertigungsdruck angesichts des derzeitig ablaufenden Dramas im früheren Ihme Park schließen. Denn auch der bereits fertige Teil sieht immer noch erbärmlich aus und ist völlig unbenutzbar.

2004/5  gab es im Historischen Museum eine Ausstellung „X für U“, Bilder die lügen. Genau das tut das Foto des ersten Bauabschnitts. Das „frische-Gras-Foto“ suggeriert geschickt einen intakten Rasen. In Wahrheit will auf diesem ärmlichen, teils durch Regenwasser weggeschwemmten Boden nichts wachsen. Alle paar Zentimeter ein Grashalm, ansonsten nur „Schutt(un)kräuter“. Wer will sich auf diesen fast nackten Boden in diese trostlose kahle Landschaft setzten? Von früherer Idylle keine Spur, sieht man von den alten Bäumen am Ufer ab, die nur durch die Initiative der BI Calenberger Loch überhaupt noch da sind, wie alle anderen Alt-Bäume auch. Die neuen Besenstiel-Bäumchen sind selbst auf dem Foto kaum wahrnehmbar. Müll liegt herum, denn auch 8 Monate nach Öffnung der Fläche hat es die Verwaltung nicht geschafft Papierkörbe zu installieren bzw. das Gebiet wieder wöchentlich säubern zu lassen, wie früher. Obwohl dies seit Monaten von den Anwohnern und dem Bezirksrat Mitte gefordert wird. Oder jetzt Rasen nachzusäen, damit das Gebiet vielleicht irgendwann mal wieder genutzt werden kann.

Bei den Kosten, die hier als so riesig dargestellt werden, muss übrigens unterschieden werden zwischen Wiederherstellung (dazu ist die Stadt gesetzlich verpflichtet, wozu auch die wenigen Ersatzbäume gehören) und eigentlicher Gestaltung, das ist der Beton, die Pontons und nicht einheimische Gestaltungsbäume (Tulpenbäume). Diese (recht phantasielose und ökologisch fragwürdige)  „Gestaltung“ kostet nur wenige Tausend Euro, ein Bruchteil  im Verhältnis zu den Gesamtkosten von ca. 35 Mio € für diese fragwürdige Gesamtbaumaßnahme.

Dass sog. „KLEINE“ Mauern aus Beton, die im übrigen 60 cm hoch sein werden und auch entlang der gesamten Glockseestraße gebaut werden, attraktiv sein sollen, ist wohl eher die Einzelmeinung des SPD Baupolitikers. Beton statt Bäume, das trägt besonders an heißen Sommertagen zu neuer, schattenloser „Aufenthaltsqualität“ an der Ihme bei. Man sollte die Damen und Herren der Verwaltung bzw. Politik, die nach wie vor diese Ansicht vertreten, verpflichten, ihre Freizeit für die nächsten 10 Sommer in diesem „Erholungsgebiet“ zu verbringen. Danach wären sie vermutlich zurückhaltender mit derartigen beschönigenden Aussagen.

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